Harry Potter hat es, Frodo Beutlin hatte es bereits vor ihm und auch Bella Swan scheint reichlich damit gesegnet. Ob es darum geht den bösen Voldemort zur Strecke zu bringen, ganz Mittelerde auf einen Schlag zu retten oder nur den glitzernden Vampir der eigenen Träume zu finden, die Rede ist vom großen Wink des Schicksals. Moderne fantastische Literatur muss sich den Vorwurf gefallen lassen, kaum Geschichten ohne dieses spezielle Etwas zu fabrizieren, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger starkem Aufguss einfallsloser Schemata. "Man muss sich halt darauf einlassen", doch das wahre Leben der meisten Leser sieht anders aus: leicht angeknackste Familie, durchwachsene Jugend, Minijobs und Praktika, Schulabschluss, Ausbildung oder Studium, vielleicht ein oder zwei spannende Hobbys; die wenigsten Lebensgeschichten erheben sich über diese langweilige Durchschnittlichkeit. Was Frodo, Harry und Co bieten, ist Teilhabe an ihrem Auserwähltsein für die Dauer der Lektüre (oder bis zum Abspann des Films,) Streicheleinheiten fürs das Ego ihrer Rezipienten, fiktive Exklusivität. Zurück bleibt die unausgesprochene Hoffnung selbst einmal im Fokus jenes irrationalen Glücks zu stehen; derselbe Mythos den auch Castingshows, Trendscouts oder die Lotterie zu eigenen Zwecken fleißig befeuern. Auf dem Papier erbt Frodo Beutlin den einen Ring, Bella Swan einen unwiderstehlichen Duft für benachbarte Blutsauger und auch Harry Potter bekommt die berühmte Blitznarbe in die Wiege gelegt. Der Wille unerklärlicher höherer Macht ersetzet den modernen Leistungsgedanken und bildet eine anachronistische Gegenwelt zum erlebbaren Alltag, beherrscht von finanziellen Kriesen und ermüdendem Wahlkampfgerangel. Vielleicht ist dies Teil der Erklärung für die anhaltende popularität jener Werke. Doch anders als den Märchen von einst fehlt ein die Leserwelt bereichernder Transfer, die "Moral der Geschicht", stattdessen muss die der Fiktion innewohnende vermeintliche 'Lehre' in der Wirklichkeit scheitern. Der großen Masse aller Leser werden weder Reichtum, Ruhm noch privates Glück zufallen, solange sie nicht bereit sind unaufgefordert und unausgewählt Eigeninitiative zu zeigen. Im Vorteil scheint nur, wer die Welten auseinanderzuhalten weiß.
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Mittwoch, 29. Juli 2009
Donnerstag, 5. März 2009
Eine Verteidigung des Buches gegen seine Neider
Das Buch kann auf eine beeindruckende Erfolgsgeschichte zurückschauen. Seine frühe Vorform ägyptischer Papyrusrollen wurde im antiken Rom durch Mittelheftung verbessert und im 14. Jahrhundert mit dem Wechsel von Papyrus zum Papier und dem gutenbergschen Reproduktionsverfahren perfektioniert. Welchen Lesefreund ergreift nicht eine liebevolle Stimmung, wenn er an die Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts denkt, oder an die eigene Initiation in diese wundervolle Nebenwelt des Lesens mit Bilderbüchern und Jugendromanen? In Buchläden, Lesezirkeln und auf Messen finden sich täglich Liebhaber und Interessierte, die das Buch in seinem eleganten Design schätzen und nach seinem unübertroffenen geistigen Nährwert hungern. Und doch hat der Literaturbetrieb aus seinem Gegenstand mehr gemacht als einen Verbund von 49 Seiten. Gérard Genette hat 1987 in seinen "Seuils" all die kleinen Besonderheiten und Beiwerke des Buches beschrieben und auf ihre Wichtigkeit für den Lesevorgang hingewiesen. Es sind Konventionen - kulturelle Codes - die Aufmerksamkeit wecken, richtiges Lesen anleiten und untrennbar zum Gesamteindruck Buch dazugehören, ohne jedoch dessen geniale Schlichtheit zu beeinträchtigen.
Doch der technikabhängige Mensch des 21. Jahrhunderts glaubt seine vielleicht größte Erfindung revolutionieren zu können. Er schafft einen "E-Book Reader", einen kleinen Kasten ohne jeden Charme und rühmt dessen umfangreiche 'Speicherkapazität', als sei Größe das einzige, was zählt. Doch dessen haptische Eigenschaften enttäuschen. Seine Nachahmung des Seitenumblätterns wirkt wie eine schlechte Raubkopie. 'Elektronische Tinte' soll die Augen schonen, doch sie kann nicht über das Fehlen von echtem Papier hinwegtäuschen, was sich unnachahmlich zwischen Leserfinger schmeichelt. Zeiteffizientes Blättern wird zu zeitintensivem 'Scrollen', geliebte Leseecken und Flecken lässt es erst gar nicht zu und will ich einen Text verleihen, geht gleich die ganze Bibliothek mit. Verschlimmbesserungen, allesamt. Einen Markt wird dieses Produkt trotzdem finden. Auch ich bin im Digitalzeitalter aufgewachsen und mache so einige Fortschrittswirren mit, von Kassette zu CD zu Mp3 zu Flac, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch muss ich zugeben, dass der elektronische Text noch in den Kinderschuhen steckt und eingestehen, dass ja auch dieser Text ein elektronischer ist. Auch mag für reisende Kreative, Autoren und Professoren eine Digitale Bibliothek zum Nachschlagen ganz nützlich sein. Doch abends liegt auf meinem Nachttisch noch das wirkliche Original, und gemeinsam verweigern wir uns dem vermeintlichen Fortschritt ... zumindest in diesem Bereich. Man muss ja nicht alles Digitalisieren. Digitale Zuneigung? Digitales Glück? Digitales Buch? Nein, Danke.
Doch der technikabhängige Mensch des 21. Jahrhunderts glaubt seine vielleicht größte Erfindung revolutionieren zu können. Er schafft einen "E-Book Reader", einen kleinen Kasten ohne jeden Charme und rühmt dessen umfangreiche 'Speicherkapazität', als sei Größe das einzige, was zählt. Doch dessen haptische Eigenschaften enttäuschen. Seine Nachahmung des Seitenumblätterns wirkt wie eine schlechte Raubkopie. 'Elektronische Tinte' soll die Augen schonen, doch sie kann nicht über das Fehlen von echtem Papier hinwegtäuschen, was sich unnachahmlich zwischen Leserfinger schmeichelt. Zeiteffizientes Blättern wird zu zeitintensivem 'Scrollen', geliebte Leseecken und Flecken lässt es erst gar nicht zu und will ich einen Text verleihen, geht gleich die ganze Bibliothek mit. Verschlimmbesserungen, allesamt. Einen Markt wird dieses Produkt trotzdem finden. Auch ich bin im Digitalzeitalter aufgewachsen und mache so einige Fortschrittswirren mit, von Kassette zu CD zu Mp3 zu Flac, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch muss ich zugeben, dass der elektronische Text noch in den Kinderschuhen steckt und eingestehen, dass ja auch dieser Text ein elektronischer ist. Auch mag für reisende Kreative, Autoren und Professoren eine Digitale Bibliothek zum Nachschlagen ganz nützlich sein. Doch abends liegt auf meinem Nachttisch noch das wirkliche Original, und gemeinsam verweigern wir uns dem vermeintlichen Fortschritt ... zumindest in diesem Bereich. Man muss ja nicht alles Digitalisieren. Digitale Zuneigung? Digitales Glück? Digitales Buch? Nein, Danke.
Donnerstag, 1. Januar 2009
Ein Vampir hat es heute schon schwer
Schon in der Romantik vermischten sich in der Gestalt des Vampirs Phantasien schwermütiger Dichter mit den Resten abergläubischer Volksängste und lokalem Sagentum. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten Hollywood und Bella Lugosi den Glamour von weißer Schminke und schwarzem Cape. Hernach war es insbesondere die Romanautorin Anne Rice, welche durch ihre Vampirsagen in Gestalt des blonden Lestat die Verführungskünste im antiquierten Rüschenhemd unterstrich, während in Gothic Kreisen das Idealbild Vampir rebellische Lack und Lederblüten trieb. Insbesondere für die Erotikliteratur waren die Vorstellungen von penetrierendem Biss und düster-magischer Dominanz durchaus fruchtbar. In den 90er Jahren dann, fing das Rollenspiel "Vampire: the Masquerade" jenes Vampirbild ein und konserviert es noch immer. Heute, im 21. Jahrhundert wären die zahlreichen noch die überzeichnete, sonnenbrillentragende Actiongestalt eines Blade zu nennen, nebst pubertären Highschoolphantasien alla Buffy & Angel , welche Begannen neue Genrebereiche zu erschließen. Das Nachfolgerrollenspiel von White Wolf, "Vampire: Requiem", trug dieser Entwicklung Rechnung und versuchte sich wieder im Horrorgenre zu verankern, fort von romantisch seufzenden Jünglingen und Teeniegekreische hin zum erwachsenen und gruseligen Kampf um die menschliche Seele.
Nach all diesen Entwicklungen scheint der Vampir gerade in der modernen Belletristik einen neuen Nischenplatz gefunden zu haben, wo seine Interpretationen, ärgerlicherweise und in Ignoranz solch großartiger Vorlagen wie "Bram Stroker, Dracula", vor keinem Klischee halt machen. Die jungen Autoren verschlimmbessern den modernen Mythos, wo sie nur können. Angefangen bei der Unart plumper Wortspiele im Titel (z.B. "Stephanie Mayer: Bis(s) zum Morgengrauen") , über den Topos des "guten Vampirs, welcher nur von Tieren trinkt", hin zum unermüdlich beschworenen Konflikt zwischen Blutsaugern und Werwölfen. Deutlich auch ist die Ausrichtung auf eine weibliche Zielleserschaft, insbesondere in der Kombination "jugendliche, unscheinbare, weibliche Sterbliche trifft auf meterosexuelle, dunkle Ritterfigur". Es scheint eine Marktlücke gefunden; der Ausschlachtungsprozess ist im vollen Gange. Einzig der auf den ersten Blick ennervierendste neue Roman dieser Sparte (Mary Jane Davidson: Weiblich, ledig, untot") vermag, gelesen als selbstbewußte Parodie auf den wuchernden "Vampirkitsch", dann doch ein Schmunzeln zu entlocken.
Nach all diesen Entwicklungen scheint der Vampir gerade in der modernen Belletristik einen neuen Nischenplatz gefunden zu haben, wo seine Interpretationen, ärgerlicherweise und in Ignoranz solch großartiger Vorlagen wie "Bram Stroker, Dracula", vor keinem Klischee halt machen. Die jungen Autoren verschlimmbessern den modernen Mythos, wo sie nur können. Angefangen bei der Unart plumper Wortspiele im Titel (z.B. "Stephanie Mayer: Bis(s) zum Morgengrauen") , über den Topos des "guten Vampirs, welcher nur von Tieren trinkt", hin zum unermüdlich beschworenen Konflikt zwischen Blutsaugern und Werwölfen. Deutlich auch ist die Ausrichtung auf eine weibliche Zielleserschaft, insbesondere in der Kombination "jugendliche, unscheinbare, weibliche Sterbliche trifft auf meterosexuelle, dunkle Ritterfigur". Es scheint eine Marktlücke gefunden; der Ausschlachtungsprozess ist im vollen Gange. Einzig der auf den ersten Blick ennervierendste neue Roman dieser Sparte (Mary Jane Davidson: Weiblich, ledig, untot") vermag, gelesen als selbstbewußte Parodie auf den wuchernden "Vampirkitsch", dann doch ein Schmunzeln zu entlocken.
Donnerstag, 25. Dezember 2008
Deutschsein
"Er hat immerhin Straßen gebaut und für Arbeit gesorgt", höre ich mit der Stimme meines Großvaters einen eben jener Sätze, welche mir kalt den Rücken hinab kriechen. Es sind diese Gedanken, gegen die Paul Celan mit seiner Lyrik anschrieb und Erinnerungen wach rief an eine Zeit, in der niemand etwas gesehen und noch weniger etwas getan haben will. Können wir denn alle von Rosa Luxemburg abstammen?
Zähle die Mandeln!
"Ja, die Deutschen sind zäh", tönt eine alte Frau auf Krankenhauszimmer 108, ein Bett neben meiner Oma. In Gedanken erwidere ich, dass schon das Konzept von Nationalität Entindividualisierung begünstigt und lese die Niemandsrose. Um nichts anderes scheint Celan zu kreisen als um einen unausgesprochenen Vorwurf, der unser Denken erschüttert wie Judith Butlers Theorie von den Geschlechtern. Deutscher, das bin ich auch, sagt zumindest mein Reisepass.
Mandelbaum, Trandelmaum.
Ein Plakat in der Universität zeigt zwei Fotografien aus Dresden; die eine mit jubelnden Nationalsozialisten, die zweite mit zerstörten Häusern und betitelt: "Sowas, kommt von sowas." Doch gerade die implizite 'Unausweichlichkeit der Geschichte' ist problematisch, verschiebt sie doch die persönliche Schuld hin zu einer unpersönlichen Volksschuld. Die Frage aber muss lauten: Wie konnten die Väter unserer Väter so etwas zulassen? Und was hätten wir getan?
Bandelmaum, Mandeltraum.
"Der Junge kommt nach seinem Großvater, ganz die nordische Linie", findet sich unter den Sätzen auf dem diesjährigen Familienfest. Ich aber will nicht nach jemandem kommen, will kein Deutscher sein, will das Identifikationsangebot nicht annehmen. Denn, ist nicht jedes Denken in Kategorien gleichzeitig ausgrenzendes Konkurrenzdenken zu anderen, nicht gewählten Kategorien, derselben Ordnungsstufe? Was heißt Deutscher sein anderes, als 'nicht Franzose sein?'.
Und auch der Machendelbaum.
Celan setzte dem 'Recht auf Vergessen' die 'Pflicht des Überdenkens und Erinnerns' entgegen. Ist es in diesem Sinne nicht an der Zeit der 'Dekonstruktion der Geschlechter' eine 'Dekonstruktion der Nationalitäten' beizustellen? Dass Celan kurz nach Kriegsende scheitern musste, scheint nachvollziehbar. Doch ist es heute denn so anders?
Aum.
Zähle die Mandeln!
"Ja, die Deutschen sind zäh", tönt eine alte Frau auf Krankenhauszimmer 108, ein Bett neben meiner Oma. In Gedanken erwidere ich, dass schon das Konzept von Nationalität Entindividualisierung begünstigt und lese die Niemandsrose. Um nichts anderes scheint Celan zu kreisen als um einen unausgesprochenen Vorwurf, der unser Denken erschüttert wie Judith Butlers Theorie von den Geschlechtern. Deutscher, das bin ich auch, sagt zumindest mein Reisepass.
Mandelbaum, Trandelmaum.
Ein Plakat in der Universität zeigt zwei Fotografien aus Dresden; die eine mit jubelnden Nationalsozialisten, die zweite mit zerstörten Häusern und betitelt: "Sowas, kommt von sowas." Doch gerade die implizite 'Unausweichlichkeit der Geschichte' ist problematisch, verschiebt sie doch die persönliche Schuld hin zu einer unpersönlichen Volksschuld. Die Frage aber muss lauten: Wie konnten die Väter unserer Väter so etwas zulassen? Und was hätten wir getan?
Bandelmaum, Mandeltraum.
"Der Junge kommt nach seinem Großvater, ganz die nordische Linie", findet sich unter den Sätzen auf dem diesjährigen Familienfest. Ich aber will nicht nach jemandem kommen, will kein Deutscher sein, will das Identifikationsangebot nicht annehmen. Denn, ist nicht jedes Denken in Kategorien gleichzeitig ausgrenzendes Konkurrenzdenken zu anderen, nicht gewählten Kategorien, derselben Ordnungsstufe? Was heißt Deutscher sein anderes, als 'nicht Franzose sein?'.
Und auch der Machendelbaum.
Celan setzte dem 'Recht auf Vergessen' die 'Pflicht des Überdenkens und Erinnerns' entgegen. Ist es in diesem Sinne nicht an der Zeit der 'Dekonstruktion der Geschlechter' eine 'Dekonstruktion der Nationalitäten' beizustellen? Dass Celan kurz nach Kriegsende scheitern musste, scheint nachvollziehbar. Doch ist es heute denn so anders?
Aum.
Freitag, 19. Dezember 2008
Katastrophengedanken
Wie weihnachtlich doch alles ist: so viele Geschenke, soviel Schein. Heute aber wurde es in Bonn wenig Weihnachtlich, als plötzlich Innenstadtweit die Bankautomaten ausfielen. "Systemfehler" prangte auf den Monitoren, vor denen sich kleine Mengen hochgestressten Weihnachtsspätshopper zusammenfanden um sich gegenseitig der Unverschämtheit dieses Systemfehlers zu versichern. "Man muss doch noch Geschenke kaufen." "Man muss doch Bargeld in der Tasche haben." "Ist das etwa die Finanzkriese?" Wahrscheinlich ist dies nur auf einen Fehler in der Software zurückzuführen, spielte das System für einige wenige Augenblicke einfach nicht mit; vielleicht der Großandrang.
Doch spielen wir das beliebte Spiel des Konjunktivs. Was wäre denn, wenn das System 'crashte' (abgesehen von dem furchtbaren Anglizismus, natürlich)? Wie schnell würde die Infrastruktur zusammenbrechen? Wie überfordert wäre die Ordnungsmacht, wie gierig und panisch der Einzelne? Würden sich Weihnachtseinkäufer binnen Minuten in plündernde Fackelzüge verwandeln, oder würde die Passivität der Bevölkerung andauern und sich erst nach Tagen der Verzweiflung der Handlungsfähigkeit weichen? Eigentlich wäre dies ein schönes Szenario für ein Buch. Ein junger Soldat ist der Erste, der an einem Schalter kein Geld mehr ziehen kann. Die Medien melden überfordert Unstimmiges und Gegenteiliges. Eine ältere Dame verfolgt von ihrem Fenster aus mit dem Opernglas die immer unruhiger werdenden Menschenmassen auf dem Marktplatz. Die kleine Lilly verliert ihren Vater unter den Tritten des sich bildenden Mobs und findet Zuflucht in der verlassenen Stadtkirche. Zwei Professoren debattieren in einem Straßencafé über Marx und Deeskalation und sie sind die ersten Opfer. Gewalt und Feuer folgen. Ein Literat ist auf der Suche nach Batterien für sein Diktiergerät und wittert das Buch seines Lebens. Zwei Bankangestellte versuchen zu fliehen, als sie Stimmen im Treppenhaus hören. Der ältere versucht die Menge zu beschwichtigen und wird gelüncht, der jüngere schwingt sich auf zum anarchistischen Propheten und beginnt im Wahn Stimmen zu hören. Ein junger Punk trifft auf der Flucht seine Jugendliebe und verschanzt sich in einem Sexkino. Gierige Plünderungen werden zu frustrierter Gewalt und Lust an der Zerstörung, die Polizei wechselt die Seiten. Ein alter General gibt den Feuerbefehl für das Militär. Aus Rauch und Trümmern erhebt sich am nächsten Tag eine Stadtdiktatur. Als neue Währung werden Zigaretten ausgerufen; der Umtauschkurs in die Unze Gold ist 2000:1.
Freitag, 12. Dezember 2008
Rollenspiel
Mit Sicherheit ist es eine weitere zeitliche Belastung neben der Magisterarbeit mich dem Thema Rollenspiel zu widmen, doch mein liebstes Hobby mag ich einfach nicht aufgeben, nicht mal für ein halbes Jahr. Ab und zu andere Masken anzulegen, kann sehr entspannend sein. Seit je her identifiziere ich mich jedoch mehr mit der Position des Schaffenden, als das des Rezipienten. Dankbarerweise verwischen im Rollenspiel diese Grenzen, kann ich mich als Spielleiter genauso vom Geschehen überraschen lassen, wie die Spieler. Alle tragen zum Gesamtvergnügen bei, so als spielten Schauspieler auf einer Bühne nur für sich allein.
Rollenspiel bleibt dabei Zeitlich und Örtlich gebunden als eines der wenigen verbliebenen Medien, welche sich nicht beliebig vervielfältigen lassen; in gewisser Weise also eine erholsame authentische Erfahrung. Jaja, das hört sich alles furchtbar an, aber gerade in den letzten Semestern habe ich mich manchmal gefragt, ob man die Theorie von Rolle und Identität nicht als konstruktive Methode zur Textanalyse weiterentwickeln könnte? Müsste man Dantes Comedia nicht anders Lesen, wenn es um eine Maskierung des Dichters in die Rolle eines Alter Ego ginge, in welcher er eine fiktive Erhöhung erfährt? (Auch hier spielt Auserwähltsein eine gravierende Rolle.) Zumindest versichere ich mich ab und zu gerne, dass unsere Identität performativ-konstruierter Natur ist, Judith Butler lässt grüßen.
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